Valencia (k)eine Frage!

Zwei Paare. Vier Perspektiven. Eine unvergessliche Woche bei den Gay Games 2026.

Was bleibt von einer Weltmeisterschaft?

Medaillen, Urkunden und Ergebnislisten erzählen nur einen Teil der Geschichte. Mindestens genauso wichtig sind die Begegnungen, die Emotionen und die Erinnerungen, die noch lange nach dem letzten Tanz nachwirken.

Die Equality-Weltmeisterschaften im Rahmen der Gay Games 2026 führten Tänzer*innen aus aller Welt nach Valencia. Zwischen hochklassigen Wettkämpfen, internationalen Begegnungen und einer einzigartigen Atmosphäre wurde schnell deutlich, dass es hier um weit mehr ging als um sportliche Erfolge. Die Gay Games stehen seit jeher für Vielfalt, Respekt und Gemeinschaft. Genau diese Werte waren während der gesamten Woche überall spürbar.

Für den DVET blicken zwei deutsche Paare auf ihre ganz persönlichen Erlebnisse zurück: Bianca und Manuela vom TSC Tanz u.s.w. Frankfurt am Main sowie Stefan und Alexander vom Kitzinger Tanzclub. Beide Paare erlebten dieselbe Veranstaltung und doch ganz unterschiedliche Momente. Mal geht es um Lampenfieber und sportliche
Herausforderungen, mal um bewegende Begegnungen, überraschende Erfolge oder einfach um das Gefühl, angekommen zu sein.

Entstanden ist daraus kein klassisches Interview, sondern ein gemeinsamer Blick auf eine Woche, die allen vieren noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Eine Reise beginnt lange vor dem Abflug

Wie sah eure Vorbereitung auf Valencia aus?

Bianca: „Für die Reise wusste ich immerhin schon, dass Manuela meine Flugangst tapfer erträgt. Nachdem ich ihr bereits auf dem Flug zur Pink Jukebox in London beim Landeanflug die Fingernägel in den Oberarm gekrallt hatte, war ich in dieser Hinsicht völlig entspannt. Sportlich haben wir unser gewohntes Tanztraining konsequent fortgesetzt und Kraft und Ausdauer gezielt auf den Saisonhöhepunkt ausgerichtet. Daneben gab es aber auch Platz für ein kleines Abenteuer: Gemeinsam mit Sonja bin ich ohne Vorkenntnisse im American Smooth gestartet. Drei Trainingseinheiten, eine Generalprobe am Frankfurter Flughafen und ganz viel Spaß.“

Alexander: „Seit November haben wir nahezu jedes erreichbare Gruppentraining und Trainingscamp mitgenommen. Als wir erfuhren, dass wir im Zehn-Tänze-Turnier tatsächlich alle zehn Tänze absolvieren müssen, kamen zahlreiche Privatstunden für Samba und Paso Doble dazu. Zusätzlich haben wir viermal pro Woche frei trainiert. Und natürlich durfte auch die Auswahl der passenden Glitzer-Outfits inklusive Strasssteinen nicht fehlen.“

Wir sind da. Wir gehören dazu.

Wann wurde euch bewusst, dass die Gay Games begonnen haben?

Bianca: „Kurz nach der Akkreditierung gingen wir mit unseren Koffern noch etwas essen. Überall liefen Menschen mit den bunten Gay-Games-Taschen herum. In diesem Moment stellte sich sofort dieses Gefühl ein: ‚Wir sind da. Wir gehören dazu‘. Dieses Gefühl hat uns die ganze Woche begleitet und war sogar auf dem Rückflug noch da, als wir am Flughafen wieder mit Teilnehmern aus anderen Ländern ins Gespräch kamen.“

Alexander: „Als frühere Schulsportverweigerer plötzlich einen Badge mit der Aufschrift ‚Athlete‘ um den Hals zu tragen, war schon ein besonderer Moment.“

Mehr als ein Tanzturnier

Was macht die GayGames so besonders?

Stefan: „Die Stimmung unterscheidet sich deutlich von vielen anderen Turnieren. Natürlich möchte jeder gut tanzen, aber mindestens genauso wichtig ist die Freude am gemeinsamen Tanzen. Man feuert sich gegenseitig an, gibt Tipps und freut sich ehrlich über die Erfolge der anderen. Viele Tänzerinnen und Tänzer blieben den ganzen Tag in der Halle, auch wenn ihre eigenen Wettbewerbe längst beendet waren.“

Manuela: „Die Turniere waren hervorragend organisiert. Musik, Moderation und Ablauf waren erstklassig. Besonders beeindruckt hat mich die große Showtreppe mit dem roten Teppich, über die jedes Finale eröffnet wurde. Man hat gespürt, wie viel Herzblut in dieser Veranstaltung steckte.“

Gänsehaut-Momente

Welche Augenblicke werdet ihr nie vergessen?

Bianca: „Natürlich gehört unsere Silbermedaille bei den Seniorinnen Standard dazu. Mit diesem Ergebnis hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Aber fast genauso schön war es, als die ganze Halle mitten im A-Finale zu Sweet Caroline mitsang oder beim Abschlussball alle gemeinsam begeistert Line Dances lernten und sich gegenseitig halfen.“

Alexander: „Dass wir den Paso Doble im Zehn-Tänze-Turnier zum ersten Mal komplett durchgetanzt haben. Im Training waren wir regelmäßig aus der Choreografie gefallen. Ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft hat es funktioniert.“

Stefan: „Dass wir als Newcomer im Zehn-Tänze-Turnier völlig überraschend die Endrunde erreicht haben. Wir konnten es zunächst selbst kaum glauben.“

Begegnungen, die bleiben

Welche Menschen und Gespräche haben euch besonders bewegt?

Manuela: „Ein Tänzer aus Frankreich erzählte mir von den Schwierigkeiten auf dem Weg zu mehr Gleichstellung in seinem Verband. Solche Gespräche zeigen, dass hinter den Kulissen noch immer viele Menschen dafür kämpfen, Equality-Tanzsport möglich zu machen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Alexander: „Wir haben Tänzerinnen und Tänzer aus Australien, Singapur, Amerika und vielen anderen Ländern kennengelernt. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass manche Menschen aus Angst vor den Folgen in ihrem Heimatland nicht einmal auf Fotos erscheinen dürfen. Das macht nachdenklich.“

Mehr als Medaillen

Was nehmt ihr persönlich aus Valencia mit?

Stefan: „Freude, Motivation und mehr Selbstvertrauen. Wir sind mit sehr geringen Erwartungen angereist und haben die Erfahrung gemacht, dass man auch als späte Turniereinsteiger noch einiges erreichen kann.“

Bianca: „Für mich bleiben unzählige Erinnerungen an eine Woche voller Emotionen. Und ehrlich gesagt beginnt die Vorfreude auf Australien 2030 schon jetzt.“

Zum Schluss noch eine Frage

Würdet ihr wieder teilnehmen?

Bianca: „Auf jeden Fall. Hoffentlich bleiben wir alle gesund. Und im Flugzeug finde ich bestimmt wieder jemanden, dem ich beim Landeanflug vertrauensvoll die Fingernägel in den Oberarm krallen kann. Dann muss Manuela das nicht wieder alleine ertragen.“

Stefan: „Natürlich! Man reist an wunderbare Orte, tanzt, lernt großartige Menschen kennen und darf dabei sogar Glitzer-Outfits tragen. Mehr Gründe braucht es eigentlich nicht.“

Valencia in drei Worten

Bianca & Manuela: „Alle Tanzträume erfüllt.“

Stefan & Alexander: „Bunt. Bewegend. Unvergesslich.“

Vielen Dank an Andreas Gußmann-Kort, der dieses Interview mit Bianca, Manuela, Stefan und Alexander geführt hat.